Rezensionen

Geschichten, die berühren

Durch ihre psychologisch fein gesponnenen Texte hat die Linzerin Claudia Taller das Publikum bei der Lesung am 29.Jänner 2020 im Schloß St.Peter in ihren Bann gezogen.

Rezension in der NÖN Woche 06/2020 als PDF
Mit freundlicher Genehmigung der Kulturredaktion der NÖN

Ich habe gesehen – Erzählungen

Rezension von Christine Schadenhofer, Schriftstellerin & Bildende Künstlerin

Da ist die junge Mutter, deren Ehemann durch die Geburt des ersten Sohnes an seinen eigenen Kindheitserlebnissen scheitert. Da ist das Mädchen, das systematisch missbraucht wurde, und durch das Schicksal von Weggefährtinnen eine Wende erleben könnte. Da ist der Sohn, dessen betagte Mutter sich für den begleiteten Freitod in der Schweiz entscheidet. Da ist die Sachverständige, die die Psyche ihrer Klientin vor Gericht analysiert und dabei gleichzeitig ihre eigene Arbeit aus dem Blickwinkel der verantwortlichen Therapeutin betrachtet.

Die promovierte und erfahrene Psychologin und Autorin Claudia Taller erklärt nicht – sie lässt ihre Protagonisten aus der Ich-Perspektive heraus selbst ihre Geschichte entwickeln, ähnlich einem therapeutischen Setting, in dem der Klient Bruchstücke seines Lebens darlegt, die es für den Therapeuten zu ordnen und zu kitten gilt.

Claudia Taller entwickelt auf diese Art im Leser eine Ahnung dafür, wie Traumata entstehen. Wie es sein kann, dass ein Mensch zum Gefangenen seiner Erfahrungen wird, zum Opfer seiner Erinnerung. Wie das Erlebte sich wie ein Schatten über das „normale“ Erleben und die „normale“ Erlebensfähigkeit legen und damit die Fähigkeit, ein „normales“ Leben zu führen, beschneiden kann.

Was diese Geschichten, neben dem inhaltlichen Aspekt, so interessant machen, ist die Erzählkunst von Claudia Taller, die sich auch im Krimi-Genre einen Namen gemacht hat.

Eine der Besonderheiten ihres literarischen Stils ist diese Präzision und diese Langsamkeit, mit der sie die Neugier des Lesers schürt und ihn förmlich ins Geschehen hineinzieht; mitnimmt in eine anfangs oft ganz unspektakulär erscheinende Geschichte, die sich sukzessive zu einem „Krimi der Seele“ entwickelt. Ohne jegliche Vorwarnung stellt uns Claudia Taller mitten hinein in das Leben ihres jeweiligen Protagonisten, konfrontiert uns mit Symptomen, entrollt auf subtile Art die Ursachen, und ermöglicht es uns, manches Phänomen der menschlichen Seele nachzuvollziehen.

Rezension von Herbert Pauli, Schriftsteller & Experimentalfilmer
Dein Buch hat mich gefangen. Du hast mich mit Deinen Geschichten mitgenommen auf eine Reise in die Seelen von Menschen, auf eine Wanderung von Gedanken zu Gedanken, auf eine Fahrt ins leidvolle Leben bedrängter Menschen. Besonders berührt hat mich „Warum hast du es nicht gleich gesagt?“. Ein Buch, das man nicht einfach weglegen kann, das an einem hängen bleibt, das lang nachwirkt.


Im goldenen Geäst

Rezension von Herbert Pauli, Schriftsteller & Experimentalfilmer

Es ist beinahe verwirrend, wie Claudia Taller Traum und Wirklichkeit ineinanderflicht und so eine weitere Wirklichkeit entstehen lässt, in der Ferdinand, der Quantenphysiker, langsam untergeht.
Die Autorin, die Psychologie studiert hat (was in der Geschichte deutlich zum Ausdruck kommt), verbindet die Leben zweier Frauen und eines Mannes zu einem einzigen. Traumbilder, Erinnerungen, Begegnungen verstricken sich zu einem Geflecht, das eine Geschichte entstehen lässt, die so wahrscheinlich nie stattgefunden hat. Nicht unwichtig ist dabei die Musik, bei der ja auch Wirklichkeit und Fantasie in jeder Hörerin, jedem Hörer erst seine ganz eigene Melodie entstehen lassen.
Ein Roman, in dem versucht wird, ein goldenes Geäst (in der Realität und in der Fantasie) zu entwirren, in dem man sich als Leserin und Leser jedoch immer mehr verheddert, was hier positiv gesehen werden darf.

Rezension von Martin Stankowski, Schriftsteller
in: ‚Literarisches Österreich 2020/01 – Zeitschrift des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes‘
‚. . . In dem Bild des Geästs entstehen erfasste, nur erahnte oder weiter ausgesponnene Linienzüge, die sich mehr und mehr zu verzweigen scheinen, die sich verstricken können in Konstruktion und Dekonstruktion mithilfe des Prinzips des Zusammenbruchs der Suche nach verborgenen Gründen, in einem Aufschieben in doppeltem Wortsinn oder sogar in einer Art Aufschaukeln, den es gibt keine verborgenen Variablen, und dann letztlich im abschließenden Befund einer Identität von Mutter und Tochter dank der hell-goldenen Strähnen wurzelt.
Insgesamt ein empfehlenswertes buch dank der Lesefreude im gerne nachvollzogenen Sprachduktus, mit der Fähigkeit, echte menschliche Teilnahme zzu erzeugen, mit im wechselnden Ablauf zahlreichen, inhaltlichen Anregungen . . .‘

Frauen reden über Frauen

PEN-Frauenkomitee hat Autorinnen in Lesungen und Diskussionen im Fokus.

Zum Frauentag am 8. März veranstaltet das PEN-Frauenkomitee im Amerlinghaus eine Lesung unter dem Motto „Wofür Frauen brennen“, an der Claudia Taller, Ingrid Schramm, Sonja Henisch und Doris Kloimstein teilnehmen und eigens für diesen Anlass verfasste Texte präsentieren werden.

PDF des Artikels in der Wiener Zeitung

MännerSichten – Eine Männertrilogie

Rezension von Eva Riebler in etcetera Nr.39,  Aberglaube & Irrglaube,  März 2010 www.litges.at

„Von der Wahrheit und dem Warten“

Drei Männerschicksale, inklusive ihrer oft einseitig typisch männlichen Sicht der Dinge, werden uns in drei Kapiteln von einer weiblichen Autorin aufgezeigt. Alle drei Protagonisten sind jeweils privat mit einer handelnden Person der nächsten Erzählung verwoben. Vor allem die Innensicht ist wichtig. Was denke ich, wenn mein Kind mit 20 Jahren Selbstmord verübt, was, wenn meine Gattin oder Liebhaberin beim Reisen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt und was, wenn ich anlässlich des Todes meiner Mutter hinter mögliche Geheimnisse mittels Fotos oder Briefe komme?
Die Reflexion ist Mittel zum Zweck, Mittel zur Diagnose und vielleicht zur Entstehung von Abwehr, von Widerstandsfähigkeit, zum Aufbau von Resistenz eben.
Auf alle Fälle ist es ein Werk über Beziehungen, eher missglückte als geglückte, über Fehlverhalten und Oasen der uneingestandenen Dummheit, Gemeinheit und Blindheit, die stets die Lebensmenschen mit prägt. In der letzten Erzählung liegt der Schwerpunkt auf dem Lebensschicksal eines langsam Erblindenden. Und dieser ist wohl der Einzige, der sein Leben mit Sicht und Durchblick führt und von sich sagen kann: Er habe nie in Warteposition sein Leben verbracht, er fühle sich gleichwertig und nicht benachteiligt. Während in den anderen beiden Erzählungen stets vom Warten die Rede ist. Vom Warten der Geliebten auf den Geliebten, vom Warten der Ehefrau, dass der Gatte eine normale Gatten-Liebe aufbringt, vom Erwarten einer Sohnes-Liebe für die alternde Mutter oder vom Warten auf das fortschreitende Krankheitsbild bei Polyarthritis.

Ein empfehlenswertes Werk, das sprachlich und inhaltlich fasziniert und vielleicht das Fremdsein zwischen Mann und Frau, oder Mutter und Sohn, Vater und Tochter etwas mildern kann“

Innensichten – Eine Frauentrilogie

Rezension auf Amazon
  • Die Busfahrerin
  • Die Dolmetscherin
  • Die Gesandte

Diese drei Texte haben eine Verbindung über ihre Protagonistinnen, drei starke, für ihren jeweiligen Lebensbereich erfolgreiche Frauen. Hinter ihrer offensichtlichen Stärke zeigen sich seelische Verletzungen, zurückreichend in schwierige Mutter-Kind oder Vater-Kind Beziehungen. Da hilft keine Intellektualität. Alle drei Frauen bräuchten psychologische, psychoanalytische Unterstützung. Teilweise lassen das sie zu, teilweise helfen sie sich selbst.

Die Texte sind verbunden über den Ort, die Stadt Wien, über die Zeit, das Gedankenjahr 2005, und das Jahr der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft 2006.